Die volle und die leere Welt

Die volle und die leere Welt

Essays und Bilder. Mit den Aufzeichnungen eines Verschollenen

von Fabian Scheidler

Erschienen am 01.10.2019
144 Seiten
Broschur mit Klappen
ISBN: 978-3-947296-06-4

Was hat Isaac Newton mit den letzten Ureinwohnern von Borneo zu tun? Was unterscheidet eine lebendige Kultur von einer Ansammlung von Kulturgütern? Wann und warum verlernen Menschen das, was sie als Kinder noch konnten? Nach den erfolgreichen Sachbüchern »Das Ende der Megamaschine« und »Chaos« umkreisen die hier versammelten Essays in pointierter Sprache die Abgründe einer Zivilisation, die heute die Zukunft des Lebens auf der Erde infrage stellt. Begleitet von 14 Foto-Synthesen des Autors, erzählen sie von Entwurzelung und Widerstand, technischer Hybris und wirtschaftlichem Totalitarismus, von der Suche nach echter Freiheit und Verbundenheit.

»Die Leere besteht nur, indem sie von den Menschen in einer ununterbrochenen Anstrengung erzeugt wird. Hielten die Menschen darin einen Moment inne und träten, beinahe lautlos, vor die Tür: Es käme die Welt wieder zum Vorschein.«

Die Buchveröffentlichung wird von einer Lese- und Ausstellungsreihe begleitet:

Termine
17.10.2019 Stuttgart, Studio Theater
29.10.2019 Berlin, Regenbogenkino
16.12.2019 Salzburg, Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen
17.12.2019 Wien, Aktionsradius (Ausstellung, bis 15.1.2020)
01.02.2020 München, Eine-Welt-Haus

Weitere Informationen und Termine
www.fabian-scheidler.de

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Rezensionen

von Ute Scheub in Oya 56/2019

Lebensleere, Lebensfülle

Der Naturwissenschaftler Isaac Newton, der mit der Entdeckung des Gravitations­gesetzes die Grundlage für die Mechanik der industrialisierten Welt legte, schrieb über den Raum, dass er seiner Natur nach ohne Beziehung zu äußeren Gegenständen sei und stets gleich und unbeweglich bliebe. Für die australischen Aborigines war und ist solch ein »leerer Raum« in seiner Abstraktheit hingegen undenkbar. Räume, Landschaften, Berge und Flüsse können ihrem Verständnis nach nur entstehen, wenn sie sich mit Wesen, Dingen und Bedeutungen füllen, denn nichts existiert unverbunden.
Um diesen Gegensatz zwischen der beseelten indigenen Welt und der Globalisierung mit ihren seelenlosen, weltweit identischen Shopping Malls, geht es in ­Fabian Scheidlers neuestem Buch »Die volle und die leere Welt«. Der Autor von »Das Ende der Megamaschine« und »Chaos« beleuchtet die Polarität mit philosophischen Texten und Textfragmenten sowie mit 14 Photo-Synthesen, in denen isolierte Menschen in einer zerstörten Welt vergeblich Verbindungen zueinander suchen. Sie stehen in Mondkratern, die der Ressourcenfraß der Megamaschine hinterließ. Sie warten in Trümmerlandschaften auf irgendwas, das nicht kommen will. Sie suchen. Sie finden nicht zueinander – wie das Paar, das nicht Hochzeit feiern kann, weil der Bräutigam auf einer Fluggastbrücke nicht in der Lage ist, den Raum zur Braut zu überbrücken. 
Die moderne Welt ist zwar vollgestopft mit ihrem Überfluss an Waren und Müll. Aber sie ist dennoch eine leere, weil traurige und unverbundene Welt, der alle Geheimnisse entrissen wurden. Flüsse, die in vielen vorindustriellen Kulturen als lebendige Wesen galten, werden heute kontrolliert, begradigt und in riesige Stauseen verpresst. Doch die Hydra, ein Wasserdrache, dem laut ­Mythos jeder abgeschlagene Kopf nachwächst, rächt sich auf ihre Weise mit Überflutungen. Könnte es sein, fragt Scheidler, »dass Kulturen, die wir längst für überholt halten, uns hier einen großen Schritt voraus sind?« Er meint damit etwa die balinesischen subaks, kleine, dezentrale Bewässerungssysteme, die mit religiösen Zeremonien gesegnet und gepflegt werden. Ein westlicher Ingenieur würde hier die »irrationale Verschwendung von Zeit, Arbeit und Ressourcen« beklagen und blind für ihre Fülle sein: Sie verteilen das Wasser extrem effizient, sozial gerecht und ökologisch nachhaltig.
Das in seiner melancholischen Schönheit anrührende Buch thematisiert den bedeutungslos gewordenen leeren Raum, den die industrielle Megamaschine mit all ihren Zwangssystemen wie Geld, Schulen und Fabri­ken hinterlässt – um am Ende doch wieder Hoffnung aufkeimen zu lassen, wenn der Autor schreibt: »Die Leere ist niemals das Innere, das, was bleibt, wenn die Schalen der Täuschung zerbrochen sind. Die Leere ist selbst Bild, Schale, Vorspiegelung, Lüge über einer unausrottbaren Fülle.«
Ute Scheub